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Pilates wozu*?

Aktualisiert: März 11

* dieser Beitrag wurde vor 7 Jahren geschrieben und wird nun leicht überarbeitet in den Blog aufgenommen. An Aktualität hat der Inhalt nichts eingebüsst, ausser dass man zum Thema "Pilates und Faszien" noch etwas ergänzen könnte, da dieses Thema die Szene mittlerweile auch erreicht hat,




















Einführung


Dieser Beitrag soll Ihnen einige kritische Aspekte zu “Pilates” aus der differenzierten Sicht eines Physiotherapeuten (MF) aufzeigen, die die gängigen Mainstream Ansichten kontrastieren.

In den vergangenen zehn Jahren wurde “Pilates” zunehmend populärer. 2005, als wir das Konzept in einer Diplomarbeit genauer untersucht hatten, war “Pilates” im Raume Basel noch weitgehend unbekannt.


Leider ist die “Methode” nicht geschützt ist, so dass mittlerweile alles Mögliche hineingepackt wird, was ausser dem Namen nichts mehr mit der ursprünglichen Idee zu tun hat. Der Laie jedoch, meist in Unkenntnis des Oiginals, kann dies nicht erkennen und macht “Pilates”, so wie es ihm von der jeweiligen Trainerin vermittelt wird (Trainerin deshalb, weil sich meistens Frauen zu dieser Art der Gymnastik hingezogen fühlen).


Das eine solche Entwicklung stattgefunden hat, zeigt sich sehr schön im neusten Pilates Lehrbuch (siehe unten), in welchem von den 34 Original Mattenübungen nur noch deren 14 übrig geblieben sind. Bei den restlichen handelt es sich um Übungen aus dem klassischen physiotherapeutischen Übungsrepertoire! Entwicklung ist zweifellos wichtig und notwendig, nur sollte ein völlig verfremdetes Konzept nicht mehr unter diesem Namen verkauft werden.










Deswegen wird im folgenden die Geschichte der “Pilates Methode” rekapituliert und einige kritische Übungen werden kommentiert.


Historie


Die Pilates-Methode, kurz “Pilates” genannt, wird nach ihrem Schöpfer – Josef Hubertus Pilates (1883-1967) genannt.

Sein Übungssystem erfreut sich unerklärlicherweise weltweit grosser Beliebtheit und Popularität. Pilates selbst nannte sein System “Contrology” und postulierte im gleichnamigen Buch “Return to Life through Contrology“, welches 1945 erschien, sechs Grundprinzipien, die bei der Übungsausführung wichtig seien:


  1. Konzentration bei der Übungsausführung,

  2. Kontrolle der Gelenkstellungen,

  3. Zentrierung,

  4. fliessende Bewegungen,

  5. Präzision bei der Übungsausführung und

  6. die Atmung.















Dazu ist zu sagen, dass diese Grundprinzipien für viele andere Trainierende und Methoden völlig selbstverständlich sind und diese nicht den Anspruch haben, daraus irgendeine Sonderstellung oder Philosophie abzuleiten. Es ist einfach so.


In allen asiatischen Kampfkünsten beispielsweise oder auch im Yoga bilden diese Prinzipen die Basis aller Übungen und Techniken, weil diese nur so realisierbar sind. So wird auch das 3. Prinzip bei Pilates – die Zentrierung, welches heute mit Begriffen wie Powerhouse oder Core belegt wird, explizit in allen Kampfkünsten praktiziert. Dort wird es Hara genannt und bildet die Voraussetzung jeglicher Kraftentfaltung. Im Gegensatz zu den Übungen, die Pilates für sein System beansprucht, spielt in der Kampfkunst die Dynamik und die Bewegung im Raum eine viel grössere Rolle und ist deswegen ungemein schwieriger zu erlernen. Raum und Fortbewegung spielt übrigens bei Pilates keine Rolle.

Die 34 Mattenübungen von Pilates müssen durchaus kritisch betrachtet werden, da alle aus einer Zeit stammen, als der militärische Stil noch sehr verbreitet war.


Das kann man beispielsweise auf dem folgenden Video sehen, in welchem ein Teil dieser Bodenübungen gezeigt wird.



Wird heute diese Pilates Methode immer wieder als “sanft” bezeichnet, kann man schnell erkennen, dass dem früher nicht so war. Unweigerlich wird man an seine Zeit in der Rekrutenschule erinnert, als man auf eine ähnliche Weise turnen musste. Im folgenden Video kann man sehen, was Pilates Training auch sein kann. Es wirkt zwar etwas antiquiert, eben sehr militärisch, aber immerhin wurde im Freien an der frischen Luft trainiert. Im Lichte der aktuellen Faszien Manie, wirken einige der Übungen – die Schwungübungen, wieder sehr modern.



Original Mattenübungen - Dominanz der Bauchmuskulatur


Aus meiner Sicht sind viele Übungen mit zu grossen Belastungen für die Wirbelsäule verbunden. Das hängt damit zusammen, dass die dominante Ausgangsstellung die Rückenlage ist. Wie man im Buch von Brooke Siler “The Pilates Body” sehen kann, werden von den 34 Übungen 25 aus der Rückenlage ausgeführt. Das entspricht 73.5%.



Aus dieser Ausgangstellung werden die Beine, die Arme und der Oberkörper in allen Varianten angehoben, was mit sehr grossen Hebelkräften verbunden ist. Gerade für den Anfänger sind solche Übungen kritisch und gefährlich. Aus meiner Sicht sollten diese, wenn überhaupt nur nach einer systematischen Einführung und Vorbereitung durchgeführt werden.


Damit man sich einen Eindruck der 34 Original Übungen machen können, sehen Sie nachfolgend die Abbildungen aus dem Buch von Pilates.


Mat_Exercises
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Man kann sich fragen, warum man dieser Ausgangsstellung Rückenlage eine solche Bedeutung beimisst, da es dafür keinen vernünftigen Grund gibt. Denn diese Bewegungen in Rückenlage benötigen wir im Alltag kaum und eigentlich nur dann, wenn man vom Liegen aufstehen möchte.


Wir sind zwar auch der Meinung, dass die Kraft der Bauchmuskulatur so gross sein muss, dass man sich aus der Rückenlage damit aufsetzen kann und dass die Bewegung auf eine optimale Art und Weise ausgeführt werden muss. Jedoch ist diese Aufrichtung über die Aufrollung des Oberkörpers nur eine Funktion der Bauchmuskulatur. Man kann auch über die Seitlage oder die Bauchlage aufstehen. Diese Bewegungsmuster sind , wenn “richtig” ausgeführt viel ökonomischer, weil die Hebelkräfte für die Bewegung genutzt werden und nicht gegen sie gearbeitet wird.



Problematisches Bauchmuskeltraining


Natürlich kann dem entgegen gehalten werden, dass man auf diese Weise die Bauchmuskeln besonders gut trainieren kann, was tatsächlich eine gewisse Bedeutung hat. Aber in der Rückenlage wird dabei nur eine einzige Funktion dieser Bauchmuskeln trainiert – die des Aufrollens aus der Rückenlage. Das ist aber nicht die wichtigste Funktion, da sich unser Bewegungsalltag selten auf das Liegen beschränkt. Wichtiger sind andere Funktionen.

Im Übrigen wird die Bedeutung der Bauchmuskulatur massiv überschätzt. Im englischen Sprachgebrauch redet man von “Core Stability“, bei Pilates von “Power House” und meint damit vor allem auch die Bauchmuskulatur.


In einem ausgezeichnete Artikel geht Eyal Lederman diesem Thema nach und widerlegt die gängigen Ansichten der Bedeutung der Bauchmuskulatur – vor allem der viel beschworenen “tiefen” Bauchmuskulatur. Sein Artikel wurde unter dem Namen “The myth of core stability” veröffentlicht. Seiner Meinung nach sind viele Ansichten zur Bedeutung der Bauchmuskulatur reine “Mythen“, die seit Jahren “einem Mantra gleich” unkritisch nachgebetet werden. Es lohnt sich, seine Gedanken zu lesen.


Myth_of_Core_Stability
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Kritisches Rückenmuskeltraining


Die Rückenmuskulatur, welche im Alltag viel wichtiger ist, wird im klassischen Pilates System kaum geübt. Es gibt nur gerade eine Übung, die explizit diesem Ziel dient. Die Übung heisst “Swimming” und die Ausgangsstellung ist dabei die Bauchlage. Aus dieser werden die Beine, die Arme und der Kopf wie beim Schwimmen eben, angehoben.


Diese Übung, auf dem folgenden Bild von Pilates himself präsentiert, birgt genauso grosse Risiken, wie das Anheben der Extremitäten in Rückenlage:



Möchte man diese Übung optimal ausführen, braucht man

  • die Fähigkeit, die Beine in den Hüftgelenken mit einer ausreichend kräftigen Hüftstreckmuskulatur strecken zu können

  • die Fähigkeit, die Arme im Schultergürtel genügend hoch anheben zu können und

  • die Fähigkeit, die Wirbelsäule über deren ganze Länge optimal strecken zu können

Bei Pilates, kann man sehen, dass er alle diese Vorraussetzungen nicht erfüllt:

die Arme kommen nicht genügend nach oben und seine Wirbelsäule kann nicht optimal gestreckt werden.

Auf diese Weise entsteht im Lendenbereich eine kritische Knickbelastung.

Leider ist diese Übung auch heute noch sehr verbreitet und findet sich in allen zeitgenössichen Lehrbüchern (siehe unten). Aus unserer Sicht, hat sie aber überhaupt keinen praktischen Nutzen und ist deswegen völlig überflüssig, da die wichtigste Funktion der Rückenmuskulatur auf diese Weise nicht geübt wird.

Mit dem Schwimmen hat sie im Übrigen nicht viel zu tun, da sich beim Schwimmen Beuge- und Streckaktivitäten im Wechsel ablösen.


Kritische Rotationsbewegung der Wirbelsäule


Auch die Drehbewegungen der Wirbelsäule werden im Pilates Konzept vernachlässig und auf eine Weise geübt, die für die meisten Menschen zu schwierig ist.


Pilates nennt die eine Übung dieser Kategorie “Spine Twist”. Wie man auf der Abbildung sehen kann, wird dabei im Langsitz der Oberkörper über die Arme gedreht.





Der Langsitz verlangt eine übermässige Verlängerbarkeit der hinteren Oberschenkel-muskulatur. Diese ist bei den meisten Menschen nicht gegeben, so dass man wie auch Pilates selbst in eine zu grosse Beugung der Lendenwirbelsäule gezwungen wird. Dabei eine Drehbewegung auszuführen ist für die Bandscheiben riskant.


Generell kann man sagen, dass man das Pilates Übungssystem als fundiert (aus)gebildeter Physiotherapeut nicht braucht, da sämtliche Übungen zu undifferenziert sind. Sie basieren auf einer antiquierten Vorstellung von Gymnastik.


Möchte man sinnvolle therapeutische Übungen erlernen, ist man mit dem System der Funktionellen Bewegungslehre – Functional Kinetic besser bedient, da deren Übungen um ein vielfaches präziser und vor allem funktioneller sind. Sie sind aber auch deutlich anspruchsvoller und deshalb schwieriger zu erlernen. Auch das Gyrotonic Expansion System ist um Welten besser, weil die Bewegungen die volle Dreidimensionalität enthalten.


Die unten einsehbare Diplomarbeit, welche von Frau F. Rossé 2005 erstellt und von M. Friedlin betreut wurde, weist auf die Schwächen der Pilates Methode hin.


Diplomarbeit F
. Rossé ergänzt durch MF
Download ROSSÉ ERGÄNZT DURCH MF • 4.08MB



“Pilates als funktionelles Rumpfmuskeltraining”


Ein zeitgemässes, aus physiotherapeutischer Sicht medizinisch optimales und fundiertes Training kann mit unserem Übungssystem – dem Ergonic Medical Training (EMT®), erlernt werden. In diesem werden alle relevanten Aspekte eines Trainings berücksichtig .