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Was sind Faszien? Neuer Wein in alten Schläuchen? Eine semantische Untersuchung.

Aktualisiert: 15. Juli 2020





Faszien” und abgeleitet davon auch die “Faszientherapie” oder die “Faszienfitness” werden durch entsprechende Beiträge in den Medien zunehmend populärer. Wie so oft vermitteln solche Beiträge ein eher oberflächliches Bild, weswegen es sich lohnt, die Materie etwas genauer anzuschauen.

Wie Sie feststellen werden, passt der von mir (MF) gewählte Titel sehr gut zum Thema, weil er sowohl in seiner konkreten als auch in seiner übertragenen Bedeutung stimmig ist.

So sind Faszien nichts Neues, sind sind nur populärer geworden und sie sind auch nicht mehr das Gleiche wie vor ein paar Jahren. Warum dem so ist, erfahren sie im Beitrag.


Nomenklatur historisch


Zweifellos sind Faszien faszinierend, sie sind aber auch modern und “in”. So hat das Interesse an den “Faszien” in den letzten Jahren auch in Fachkreisen stetig zugenommen.

Doch bevor man sich mit der Behandlung dieser Strukturen beschäftigt, muss man wissen, was Faszien überhaupt sind. Und genau in diesem Punkt besteht auch heute noch keine Einigkeit, da viele Fachleute unter diesem Begriff, wie so oft, nicht immer das Gleiche verstehen, so dass Missverständisse auftreten können.

Vorallem durch den Einfluss gewisser Osteopathen aber auch durch solchen der Rolfer, für die fast alle Gewebe des Körpers faszial sind, hat eine Umdeutung des eigentlich klaren Begriffes stattgefunden

Deswegen wird in diesem Beitrag zuerst auf die Etyomologie des Begriffes “Faszie” eingegangen und aufgezeigt, dass der ursprüngliche Begriff Bindegewebe meiner Meinung nach der bessere ist.

Bereits Hyrtl, einer der bekanntesten und einflussreichsten Anatomen des 19. Jahrhunderts, schreibt dazu in seiner Onomatologia Anatomica 1880:

Niemand bedarf der Erklärung des Wortes Fascia.” … ” Die Anatomie sagt: Fascien sind in longum und latum ausgebreitete, oder scheidenförmige, ganze Körperteile umschliessende fibröse Häute.”

Die lateinische Sprachkunde dagegen sagt: Fascia war nie etwas anders als ein Band, ein langer und schmaler Streifen irgend eines Stoffes, und in Übertragung auch eine schmale Binde um den Kopf, die Arme, um die Schenkel, um die Brust, um den Unterleib, oder zur Befestigung der Schuhe … “

Die Sprachkunde verweist die Anatomie auf ihre eigene richtigen Anwendungen des Wortes Fascia, als langer und schmaler Streifen … ”


Bedeutung klarer Begriffe für die Behandlung


Da falsche Vorstellungen zu falschen Behandlungen führen, sollte eine absolute Klarheit herrschen, was Faszien genau sind und wie sie sich im Körper manifestieren. Diese Vorstellungen kann man sich nur durch das Studium der Anatomie an der menschlichen oder tierischen Leiche erwerben oder noch besser in der Chirurgie, die sich mit lebendem Gewebe beschäftigt.

Welche Komplexität bindegewebige Strukturen haben können, zeigt dieses zweidimensionale makroskopische Bild eines Oberschenkelquerschnittes deutlich. Bereits an dieser Stelle stellt sich die Frage, wie diese Strukturen durch Behandlungen von der Körperaussenseite her gezielt behandelt werden können? Alles Weisse in diesem Bild ist Bindegewebe. Alle die schon einmal Schinken oder Osso bucco gegessen haben, sollten solche Strukturen kennen. Das Bindegewebe ist das Zähe im Fleisch.





Prophetisches zum Faszienbegriff


Prophetisch deshalb, weil dieser Artikel retrospektiv zu jener Zeit vermutlich der erste und einzige überhaupt war, der die Semantik des Faszienbegriffes untersuchte und vom Inhalt her noch genauso aktuell ist wie damals.

Bereits im Jahre 2003 – also etliche Jahre bevor Faszien in Mode kamen, habe ich (MF) dazu einen Artikel in der Zeitschrift für Osteopathische Medizin veröffentlicht, der mit diesen Missverständnissen aufräumen wollte. Schon damals war der Gebrauch des Begriffes sehr unterschiedlich und letztendlich verwirrend. Die Arbeit von Hyrtl kannte ich damals noch nicht, aber andere etymologische Quellen erklärten die Herkunft des Begriffes auf eine ähnliche Weise.

Allerdings glaube ich nicht, dass dieser sein Ziel – die Entwirrung des Sprachdschungels – wirklich erreicht hat, denn im Gespräch mit KollegenInnen merke ich immer wieder, wie unterschiedlich die Vorstellungen dieses Gewebetyps sind. Deswegen kann der interessierte Leser den Artikel an dieser Stelle lesen, so wie er in der Zeitschrift für Osteopathische Medizin 2003 erschienen ist.



Der Faszienbegriff - OM - Original
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Interessant war auch die Erkenntnis, dass es auch in der Histologie unterschiedliche Nomenklaturen und Klassifikationssysteme gibt. So habe ich nur bei Sajonski/Smollich (in “Zelle und Gewebe – Hirzel Verlag 1990”) eine Klassifikation der Gewebe gefunden, die anstelle der üblichen Einteilung in Binde- und Stützgewebe den Begriff der “Gewebe mit Interzellularsubstanz” benützt.



Diese Bezeichnung scheint mir noch heute als Oberbegriff umfassender, da er weniger mechanisch orientiert ist, sondern alle Funktionen – auch die trophische – einschliesst. Fasern jeder Art sind das Produkt spezialisierter Zellen (Fibrozyten). Diese sind vom Stoffangebot in ihrer flüssigen Umgebung abhängig, welche ihrerseits wiederum funktionsfähig sein muss. Dieser Flüssigkeitshaushalt wird beispielsweise explizit mit der Lymphdrainage oder der Matrix Rhythmus Therapie beeinflusst.








Zelle und Gewebe
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Verwirrendes zum Faszienbegriff


Im Jahre 2004 erschien in der “Deutschen Zeitschrift für Osteopathische Medizin” ein Artikel von R. Schleip in dem er auf die Bedeutung der Faszien für die Manuelle Therapie hervorhob. Dem Begriff Faszien ordnet der Autor ” … alle Formen des straffen fasrigen Bindegewebes ….” zu.


do_2004
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Etwas verwirrend ist, dass er in diesem Kontext ein Bild aus dem Buch “Angewandte Physiologie Bd 1: Das Bindegewebe des Bewegungsapparates verstehen und beeinflussen” von Frans van den Berg verwendet und im Gegensatz zur vorgängigen Definition alle Gewebeformen gemäss der Abbildung als “Faszienformen” zusammenfasst. Damit hat die Umdeutung auch den deutschsprachigen Raum erfasst!














Jahre später sind diese semantischen Fragen endlich auch ein Thema bei den Insidern. Sie haben auch gemerkt, dass der Begriff sehr inhomogen gebraucht wird. So sind 2009 und 2012 zwei weitere Artikel, die sich mit der Frage “Was sind Faszien“, erschienen.

Auch sie können über den entsprechenden Link gelesen werden.


communication_about_fascia1
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Meiner Meinung nach ist die Argumentation von Langevin unlogisch, da sie in ihrem Artikel eine sehr willkürliche Unterscheidung und Klassifikation gebraucht. So schlägt sie vor, dass man 12 spezifische Gewebe unter den Begriff der Faszie subsummieren solle: Nämlich


  • Dense connective tissue

  • Areolar connectiv tissue Superficial fascia Deep fascia

  • Intermuscular septa Interosseal membrane Periost Neurovascular tract Epimysium Intra- and extramuscular aponeurosis Perimysium Endomysium

Bei dieser Einteilung aber fehlen beispielsweise die Gewebe des viszeralen oder des meningialen Systems völlig. Wenn beispielsweise das Periost aufgeführt wird, warum nicht auch alle anderen Peri – Gewebe, so das Pericard, das Peritoneum, das Perineurium etc. ?


Klärendes zum Faszienbegriff



schleip 2012_fascianomenclatures
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Heute wird der Begriff “Fascia” in der Faszienszene mehr oder weniger synonym mit dem Begriff “Bindegewebe” oder “Connective tissue” verwendet.


Ich persönlich finde “Bindegewebe” besser und passender, da das “Verbinden” genau die (mechanische) Funktion dieses Gewebetyps ist. Das ist ja auch der Einwand, den man immer wieder hört, dass in der klassischen Anatomie dieses verbindende Gewebe immer wieder weggeschnitten würde. Es wird weggeschnitten, weil es eben ein- und verbindet.

Sehr anschaulich wird dieser Aspekt in den Videos von Dr. J.C. Guimberteau sichtbar, welcher mit einer speziellen Endoskopie Technik lebendes Gewebe gefilmt hat. Deutlich kann das Netzwerk der Fasern erkannt werden, welches beispielsweise Haut und Muskelgewebe verbindet. Auch Dr. Guimberteau spricht in seinen Filmen durchgängig von “Tissue conjonctiv”, von Bindegewebe eben.



Ich vermute, dass die Umdeutung des Faszienbegriffs auch kommerziellen Aspekten dient, tönt doch die jüngst auf dem Markt etablierte “Faszien Fitness” dank der Alliteration deutlich besser als “Bindegewebs-fitness”.


Interessant ist auch die Beobachtung, dass Weiterbildungen zum Thema je nach Zielgruppe unterschiedlich ausgeschrieben werden. So wurde im Jahre 2013 für die Zielgruppe “Sportmedizin” ein Kongress unter dem Namen “Connetive Tissues in Sports Medicine” angeboten. Es ginge also auch mit Bindegewebe oder eben Connective Tissue.











Aktuelles zum Faszienbegriff


Neuen Aufwind erhielt die Diskussion um die Nomenklatur des Faszienbegriffes im Sommer 2014, durch einen Beitrag von Dr. C. Stecco, welcher in der Zeitschrift “Journal of Bodywork and Movement Therapies” erschien und von verschiedenen Exponenten der “Faszien Welt” durch eigene Beiträge kommentiert wurde. In diesem Artikel plädiert C. Stecco für die Verwendung des etablierten Begriffes “Connective tissue”.



1-Stecco
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0-The-fascia-debate
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2-Langevin’s-response-to-Stecco’s-fascia
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4-Schleip-Klingler’s-response-to-Stecco’
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5-Tozzi’s-response-to-Stecco’s-fascial
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6-Natale-et.-al
.’s-response-to-Stecco’s-
Download ’S-RESPONSE-TO-STECCO’S- • 221KB

7-Kumka’s-response-to-Stecco’s-fascial
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Aufgrund dieser Dissonanzen bezüglich des Verwendung des Faszienbegriffs wurde in einer Arbeitsgruppe unter der Leitung von C. Stecco versucht, einen Konsens bezüglich der Bedeutung des Faszienbegriffs zu finden.


Das vorläufige Ergebnis dieser Diskussion wurde am 4. internationalen Fascia Research Congress 2015 in Washington vorgestellt.

Das vorläufige Ergebnis sieht so aus:


… und vorgeschlagen wird diese Zuordnung der Begriffe:



Diese Unterscheidung zwischen Faszie und Faszialem System wurde Ende 2015 sie auch alle anderen Artikel im Journal of Bodywork & Movement Therapies veröffentlicht und wiederum zur Diskussion gestellt.


Fascia - Fascial system Stecco C.
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In der 2016 neu erschienenen deutschen Ausgabe des “Atlas des menschlichen Fasziensystems“, welcher auf der englischen Ausgabe “Functional Atlas of the Human Fascial System” aus dem Jahre 2015 beruht, definiert C. Stecco die Faszien im Vorwort folgendermassen:


“Ich betrachte Faszien als ein eigenständiges Organsystem mit eigenen makroskopischen und histologischen Aspekten, eigenen Funktionen und pathologischen Veränderungen. In diesem Sinne definiere ich Faszien sehr restriktiv. Nicht dazu gehören in meinen Augen Gelenkkapseln, Bänder, Sehnen und lockeres Bindegewebe. Natürlich gehen die Faszien in diese Strukturen über, sie besitzen aber andere mikroskopische Eigenschaften und Funktionen.”



Abschliessendes zum Faszienbegriff


Vergleicht man diese Definition mit den Schlussfolgerungen meines Artikels aus dem Jahre 2003 “Annäherungen an den Faszienbegriff – eine semantische Untersuchung”, so sind diese Aussagen nahezu identisch.


“Unbestritten sind die Übergänge zwischen den beiden Erscheinungsformen fließend und von der lokalen Beanspruchung abhängig. So kann man sicher von einer Kontinuität der faserigen bindegewebigen Strukturen sprechen" = Fasziales System.


Eine Gleichheit des Gewebes offenbart sich höchstens in der Art, die weiter oben als das Klassifikationsmerkmal für Gewebe mit Interzellularsubstanz beschrieben wurde: Zellen, die in einem interzellularen Milieu leben, produzieren mehr oder weniger Interzellularsubstanz, so dass unterschiedliche Verhältnisse von Zellen zu Fasern und zu Flüssigkeiten entstehen.       Gerade diese Unterschiede aber führen zu anderen funktionellen Eigenschaften, aufgrund derer zur Abgrenzung untereinander spezielle Begriffe geschaffen wurden!


Deshalb erscheint die Verwendung der osteopathischen Weise zu vereinfachend. Die Aussage, dass „… alles faszial sei … „ ist natürlich falsch, da Epithelgewebe, Muskelgewebe und Nervengewebe, definitiv keine Bindegewebe oder eben gemäß den Osteopathen Fasziengewebe sind. Die Bindegewebe begleiten diese Gewebe und stehen mit ihnen in Verbindung, sind aber nicht Teil davon.”


Schliessen möchte ich dieses Essay mit dem Zitat von John Locke, welches ich in meinem damaligen Artikel als Leitgedanken verwendet hatte.


 „Wie viele Trugschlüsse und Irrtümer … gehen auf Kosten der Wörter und ihrer unsicheren oder missverstandenen Bedeutung! Bisher hat man dieses Hindernis so wenig als Übelstand erkannt, dass man vielmehr die Kunst es zu vergrößern, zum Gegenstand menschlichen Studiums gemacht hat, und diese Kunst hat manchem den Ruf der Gelehrsamkeit und des Scharfsinnes eingetragen.“

John Locke, Untersuchungen über den menschlichen Verstand (1690)




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